Otto hat geschrieben:Genau diesen Widerspruch kann man nicht erklären, das riecht nach Vitamin B.
Nicht nur einem Taxiunternehmen wurde in den letzten Jahrzehnten die Übertragung an den Wartelisten vorbei genehmigt, obwohl die Rote Linie
des oben erwähnten Finanzrichters Hermann Pump zuvor weit überschritten war. Vitamin B?
Karteileiche hat geschrieben:ich würde eher sagen, daß ein viertel KEINE steuerlichen und sozialversicherungsrechtlichen verletzungen begangen hat
Wenn Otto das geschrieben hätte, käme jetzt meine Frage: Belege?

Der Gutachter prüft die eingereichten Daten auf Plausibilität, nicht auf jeden schwarzen Einzelcent. Wenn die Betriebsdaten ersichtlich nicht taugen, geht der Daumen nach unten. Diese Prüfung findet stets zu Beginn des Gutachtens statt. Die betroffenen Betriebe werden im weiteren Verlauf als eigene Sparte geführt ("Semiprofessionelle"), aber im Sinne der Wirtschaftlichkeitsbetrachtung gewissermaßen nicht mehr ernst genommen. Nicht falsch verstehen: Es geht hier nicht um negative Betriebsergebnisse sondern um Daten, die Verletzungen der Abgabenpflicht nahelegen. Soweit ich das sehe, wurden in OL neben den unplausiblen Taxen auch die unplausiblen Mietwagen ausgefiltert.
ich bin zwar vielleicht ein laie, was betriebswirtschaft angeht, aber ich halte es da doch eher für unlogisch, daß man trotzdem kurzfristig 16 neue konzessionen auf den markt wirft.
Die 16 werden von Gutachter und Stadt nicht als neu im Sinn von neuen auf dem Markt gesehen, da der Personenbeförderungsmarkt als Ganzes zugrunde gelegt wird. Die zusätzlichen 6 neuen Taxen kommen allerdings auch bei dieser Betrachtung neu dazu.
Warum neue, wenn alte raus sollen?
Im Gutachten findet sich die Erklärung. Raus sollen nicht einfach alte sondern unplausible Unternehmen. Und draußen bleiben sollen auch die Umwandlungswilligen, die keine plausiblen Daten vorlegen können. (Btw: diese Unternehmen dürften, wenn die Stadt ernst macht, auch ihren Bestand riskieren,
das schrieb ich oben schon)
Warum überhaupt zusätzliche Taxen, wo die Betriebsergebnisse eher Richtung Rot zeigen?
Auch das steht im Gutachten drin. Die Umsätze sind verglichen mit ähnlichen Städten überdurchschnittlich, die Ausgaben allerdings noch mehr. Man kann strukturelle Probleme als Ursache für die Diskrepanz anführen (wie der Gutachter), besser wäre wohl ein Hinweis gewesen, daß die Zersplitterung der Zentralen, den sich unsere Fürsten seit vielen Jahren leisten, die Einnahmen wegfrißt (und genaugenommen auch die Löhne der Fahrer). Es ist kein Wunder, daß die Oldenburger Besetztquote mit 43 % weit unter dem Schnitt anderer Städte liegt. Wir fahren pausen- und sinnlos aneinander vorbei. Wie im Anschluß an die Sitzung zu hören war, ist der Punkt bei den Unternehmern angekommen. Ich bin gespannt, ob sich da in absehbarer Zeit was tut.
Offenbar haben sich nur wenige näher mit dem Gutachten und dem rechtlichen Rahmen beschäftigt. Deshalb noch ein paar Sätze dazu:
- - Oldenburg ist anders - "außergewöhnlich", "ungewöhnlich" - der Gutachter spricht die auffällige Abweichung insbesondere vom anderorts üblichen EWU-MWU-Verhältnis mehrfach an.
- Die Oldenburger Einwagenunternehmer (EWU) stehen glänzend da (siehe meinen Aprilscherz, bei dem nur die Schlußfolgerung ein Fake war).
- Die Taxiunternehmen mit 2 bis 4 Wagen (MWU) stehen mittelmäßig da.
- Die Taxiunternehmen mit 5 und mehr Fahrzeugen (MWU) machen eine Menge Miese und das über die betrachteten Jahre 2010 bis 2012 zunehmend.
- Mietwagen fahren deutlich mehr km im Jahr als Taxen
- selbst die Semiprofessionellen fahren im Jahr noch fast so viele km wie professionelle Taxen in anderen Städten, ihre km-Jahresleistung ist in den letzten Jahren allerdings eingebrochen wie auch ihr Umsatz
- die Tariferhöhung 2012 ist am Kilometerschnitt der Semiprofessionellen völlig vorbeigegangen
- die Besetztquote der professionellen Taxiunternehmen liegt wie oben erwähnt bei 43 %, normal wären Werte um oder knapp unter 50 %
- die Umsätze der EWU liegen hoch, die der MWU im Mittelmaß, sie stiegen seit dem letzten Gutachten 2001 um 44 % und von 2010 bis 2012 um 12 %
- die Umsätze der Semiprofessionellen sanken von 2010 bis 2012 um 13 %
- die km-Schnitte sind von 2010 bis 2012 um 13 % gestiegen, also deutlich mehr als der Tarif
- die jährlichen Kosten je Fahrzeug liegen um etwa die Hälfte höher als in den Vergleichsstädten, sie stiegen von 2010 bis 2012 um 17 %, bei den als professionell eingestuften Mietwagen sogar zum 22 %
- wer ein bißchen rechnet, wird sehen, daß 6 der 25 Oldenburger Taxi- und Mietwagenunternehmen als semiprofessionell eingestuft werden (laut Aussage des Gutachters am Montag sind 25 Taxen betroffen, im Gutachten werden allerdings 22 % der Fahrzeuge genannt, was bei Taxen+Mietwagen zusammen auf eine höhere Zahl hinausliefe)
Das PBefG legt in § 13 fest:
(4) Beim Verkehr mit Taxen ist die Genehmigung zu versagen, wenn die öffentlichen Verkehrsinteressen dadurch beeinträchtigt werden, daß durch die Ausübung des beantragten Verkehrs das örtliche Taxengewerbe in seiner Funktionsfähigkeit bedroht wird. Hierbei sind für den Bezirk der Genehmigungsbehörde insbesondere zu berücksichtigen
1. die Nachfrage nach Beförderungsaufträgen im Taxenverkehr,
2. die Taxendichte,
3. die Entwicklung der Ertrags- und Kostenlage unter Einbeziehung der Einsatzzeit,
4. die Anzahl und Ursachen der Geschäftsaufgaben.
Das Gutachten sagt:
- 1. Die Selbsteinschätzung des Taxigewerbes ist eher negativ (Seite 13), die der Mietwagen positiv. Das Oldenburger Potential (Nachfrage) wird vom Gutachter durchaus positiv eingestuft.
2. Die Taxidichte liegt im Schnitt, die Taxi-Mietwagendichte ebenfalls
3. Hohe Umsätze, noch höhere Kosten, bei den Taxen konstante hohe Einsatzzeit, bei den Mietwagen noch höher. Wer die Einzelwerte (Seite 39) anschaut, sollte aber skeptisch werden. Eine typische Einsatzzeit über die ganze Firma von 9,4 Stunden in der Sonntag-Tagschicht (Mietwagen) oder 10,0 in der am Samstag (Taxen) halte ich für völlig unrealistisch.
4. Es gab zwar Konzessionsbewegungen (Seite 59), aber keine Geschäftsaufgabe im eigentlichen Sinn, also eine Rückgabe an die Stadt. Dieser Punkt kann bei einer Klage auf Konzessionserteilung zum Killerfaktor werden, wie einige Urteile der letzten Jahre zeigen. Solange Konzessionen gehandelt und nicht zurückgegeben werden, kann man annehmen, daß sich mit ihnen Geld verdienen läßt (VG Köln - Seite 3).
Mit solchen Daten läßt sich eine Antragsablehnung kaum begründen. Die Beschränkungen sollen sicherstellen, daß korrekt arbeitende Betriebe ein Auskommen haben können. Sie sind nicht dazu gedacht, ein Taxigewerbe, das trotz hoher Einnahmen von der Verschwendung aufgrund zersplitterter Gewerbestrukturen in rote Zahlen getrieben wird, zu schützen.
6 neue Taxen sind also ein nachvollziehbarer Schluß. Warum die Umwandlung hinzukommt, erschließt sich mir immer noch nicht so ganz. Allerdings bestand (und besteht noch immer) die Möglichkeit, die Wartelisten zu pulverisieren und damit die völlige Freigabe herauszufordern. Die Stadtverwaltung deutete es am Montag zusätzlich zur Verwaltungsvorlage auch mündlich an. Man kann die 6+U-Lösung dementsprechend als einen Kompromiß sehen, die letzte Chance, die gewohnte Gewerbestruktur nicht völlig zu versemmeln. Wer gewinnt dadurch? Sind es nicht die Bestands-MWU?
Ich sehe die Chance zu einer Bereinigung und Umstrukturierung hin zu wirtschaftlich tragfähigen Konzepten, wenn
- die Unternehmer (Taxi und Mietwagen) endlich begreifen, daß das Ausleben ihrer Egos spätestens in Zeiten von Abgabenehrlichkeit in die roten Zahlen führt und damit nicht zuletzt auch auf Kosten der Fahrerlöhne geht
- die Stadtverwaltung ihre angekratzte Reputation wiederherstellt, indem sie den Empfehlungen des Gutachters zum Aussieben der Semiprofessionellen nachhaltig folgt.
Ratsherr Hans-Henning Adler mahnte zum Schluß der Verkehrsausschußsitzung: ” Neue Konzessionen kann es nur mit den nötigen Kontrollen geben.” - Ist das nicht eine persönliche Einladung zu Beschwerden, falls die Stadtverwaltung sich in Regungslosigkeit zurückziehen sollte?