Der Präsident, der vom Volk gewollt wurde (?)

Merz und Co - nach dem Wetter Top-Thema im Taxi
Benutzeravatar
Dirk
Beiträge: 939
Registriert: 28.04.2004, 16:21
Wohnort: Oldenburg

Der Präsident, der vom Volk gewollt wurde (?)

Beitrag von Dirk »

Joachim Gauck - Vom schwierigen Umgang mit der Wahrheit
Denn nur die lange Jahre vorherrschende Einäugigkeit in der Wahrnehmung erklärt, warum wir zehn Jahre nach seinem Zusammenbruch noch über die Menschenfeindlichkeit des Kommunismus streiten.
Zwar hatten sich auch deutsche Kommunisten am Widerstand gegen die Nationalsozialisten beteiligt und dadurch eine gewisse Sympathie bei Menschen gewonnen, die als Christen, Sozialdemokraten, Liberale oder Unangepasste sich ebenfalls nicht unterworfen hatten. Aber alles in allem überzeugte der kommunistische Antifaschismus nur eine Minderheit. Zu eindeutig waren die Sprache der Repression und die neue politische Wirklichkeit.
Der Minimalkonsens entwickelte sich durch ein Eingehen auf die Ratio der Herrschenden und eine stärkere Berücksichtigung der Logik des Faktischen. Was stattfand war eine Selbstentmächtigung durch „höhere“ Einsicht. Es erfolgte so etwas wie ein „Einleben“ in die neue gesellschaftliche und ideologische Umgebung in Form eines schleichenden Übergangs vom Akzeptieren zum Mitmachen bis zum Mitverantworten. Die Regel war dabei kein schlagartiger Bewusstseinswechsel (obwohl es auch Mitglieder der NSDAP gab, die von einem Tag auf den anderen zu Anhängern des Kommunismus mutierten), sondern ein Prozeß, bei dem sich in ein und derselben Person neue Einstellungen und Werte Schritt für Schritt neben den alten etablierten.
Im Rückblick erscheint mir der Verlust, den die Taktik des friedlichen Ausgleichs mit sich brachte, höher als der Gewinn. In dem Maße, in dem die Debatten ausschließlich um philosophische und ideologische Probleme, also um Fragen des Überbaus kreisten, gerieten die politische Praxis mit ihren Menschenrechtsverletzungen und das grundsätzliche Legitimationsdefizit der SED-Herrschaft aus dem Blick. Ich war verbunden mit den „fortschrittlichen“ Milieus im Westen, deren Meinung ich schätzte, aber ich bezahlte dies mit einem Verlust an Wahrnehmung, Moral und Handlungsfähigkeit. ….. in den Gemeinden diskutierten wir noch 1988 häufiger über den Rassismus in der Dritten Welt und die Ungerechtigkeit des Weltwirtschaftssystems als über die Menschenrechtsverletzungen im eigenen Land.
Aber warum habe ich beispielsweise Hannah Arendts Texte nicht gelesen? Warum so viel Moralisches über Politik und so wenig Politikwissenschaft? Hatte ich eine Abneigung gegenüber den Fakten? Genügte es mir, eine Meinung über eine Realität zu haben, deren Fakten ich mir nicht bis zum Ende erschlossen hatte?
Eine nüchterne Betrachtung der politischen Verhältnisse wird dennoch zu einem Urteil gelangen, das den Kommunismus ebenso als totalitär einstuft wie den Nationalsozialismus. Der Unterschied der Ideologien fällt zwar sofort ins Auge. ….. Wer jedoch die konkrete Herrschaftstechnik vergleicht, die dienstbare Rolle des Rechts und den permanenten Einsatz von Terror, der findet Ähnlichkeiten wie bei der Untersuchung der Folgen staatsterroristischer Herrschaft auf die Bürger. Ins Auge fallen die Einschränkung der Individualität und eine starke Entsolidarisierung. Angst um den Erhalt des Lebens ….. trennt die anpassungsbereiten Mehrheiten von Minderheiten, die anders denken und leben und im Extremfall als Feinde, Abweichler oder Schädlinge ausgegrenzt, ja massenhaft eliminiert werden.
Den Kommunismus als absolutistisch oder despotisch zu beschreiben scheint mir nicht ausreichend. Wir stehen vor gigantischen Menschheitsverbrechen, und bei allem Streit um Definitionen darf nicht verkannt werden, dass neben dem Nationalsozialismus auch mit dem Kommunismus in diesem Jahrhundert ein Qualitätssprung ins Negative erfolgt ist. Statt des neuen Menschen erblicken wir am Ende des Jahrhunderts den nachhaltig verstörten Menschen, statt der neuen Gesellschaft die zerstörte Gesellschaft.
Die modische Verwerfung von Begriff und Theorie hat der westdeutschen Kommunismusrezeption mehr geschadet als genützt. Es entstand ein Defizit an Erkenntnissen.
Die sozialistischen Wirtschaftsverhältnisse sollten zwar zur Befreiung von der Knechtschaft des Kapitals führen. Tatsächlich aber haben die Abschaffung des Marktes und die Verweigerung der Mitbestimmung zu einem wirtschaftlichen Ruin geführt. Und die Entfremdung im realsozialistischen System sollte sich als gravierender erweisen als jene, die Marx als Ergebnis kapitalistischer Wirtschaftsverhältnisse kritisierte.
Der Weg der Demokratie ist auch ein Kurs durch zahlreiche Klippen. Aber die Demokratie intendierte und entwickelte den politischen Raum, der allen Bürgern geöffnet ist und Partizipation auch tatsächlich ermöglicht. Es ist das elementare Verdienst der parlamentarischen Demokratie, die eigene Würde und den Wert des Systems nicht ideologisch gesetzt und durchsetzt zu haben – vielmehr schafft sie den Raum, in dem freie und ermächtigte Individuen und Gruppen ihre Lebensentwürfe durch Kontroverse und Konsens, Gestaltung und Herrschaft aushandeln.
Freie Wahlen, gleiches Recht für alle, eine Verfassung, die die Menschen- und Bürgerrechte schützt, und eine Gewaltenteilung verleihen der Demokratie eine Legitimation, an der es dem sozialistischen System immer gemangelt hat. ……. Wenn Bürgerrechte wie Meinungs- und Pressefreiheit geschützt sind, die eine Kritik an Missständen ermöglichen, wenn dazu eine Verwaltungs- und Verfassungsgerichtsbarkeit existiert, die dem Einzelnen auch gegenüber dem Staat zum Recht verhelfen kann, dann liegt die Überlegenheit der Demokratie eigentlich auf der Hand. Doch wo, wie im Westen, Unfreiheit abwesend ist, pflegen die Vorteile der Freiheit zu verblassen.
Denn wie schwach muss der Antifaschismus derer sein, die, in altem Anti-Antikommunismus befangen, die Sprache der Fakten fürchten und der Analyse des Kommunismus Zügel anlegen. Die Wahrnehmung der „schwarzen“ Tatsachen roter Herrschaft lässt nur eine Einstellung zu: den antitotalitären Konsens aller Demokraten, der die intellektuelle und politische Äquidistanz gegenüber Demokratie und Sozialismus verbietet.
aus "Schwarzbuch des Kommunismus" 1998

Man hätte Wulff auslassen sollen.
".. ich habe eine mißgebildete Bürgerpflichtsdrüse und eine angeborene Schwäche am moralischen Rückgrat, und bin deshalb von der Rettung von Universen freigestellt." F.Prefect
"ich bin lieber jeden Tag glücklich, als im Recht"Slartibartfaß
Benutzeravatar
Otto
Beiträge: 19388
Registriert: 05.05.2004, 15:06
Wohnort: Oldenburg

Re: Der Präsident, der vom Volk gewollt wurde (?)

Beitrag von Otto »

Dirk hat geschrieben:Man hätte Wulff auslassen sollen.
Sowieso...nach Merkel als Kanzlerin war eigentlich ein Präsident aus den neuen Bundesländern irgendwann ein Muss.
Verännern mutt sien, sä de Düvel, do streek he sien Steert gröön an.

"In der Lebenswelt gibt es drei Kategorien, das Essbare, das Kopulierbare und das Gefährliche"

"Mir gefällt Ihr Benehmen nicht."
"Macht nichts. Ich verkauf's ja nicht."
Benutzeravatar
Dirk
Beiträge: 939
Registriert: 28.04.2004, 16:21
Wohnort: Oldenburg

Beitrag von Dirk »

Ach !! Aber so einer ?
Für mich schon, denn bei der Gleichsetzung von Faschismus und Kommunismus beginnt "in der realen Welt" die Leugnung des Holocaust.
Na wenn der man nicht zurücktreten muss.
".. ich habe eine mißgebildete Bürgerpflichtsdrüse und eine angeborene Schwäche am moralischen Rückgrat, und bin deshalb von der Rettung von Universen freigestellt." F.Prefect
"ich bin lieber jeden Tag glücklich, als im Recht"Slartibartfaß
Benutzeravatar
Otto
Beiträge: 19388
Registriert: 05.05.2004, 15:06
Wohnort: Oldenburg

Beitrag von Otto »

Dirk hat geschrieben:Ach !! Aber so einer ?
Für mich schon, denn bei der Gleichsetzung von Faschismus und Kommunismus beginnt "in der realen Welt" die Leugnung des Holocaust.
Na wenn der man nicht zurücktreten muss.
Man muss jede Quelle für sich und in ihrem Kontext beurteilen und da lege diese Worte Gaucks, bei seiner persönlichen Geschichte sowie der Geschichte seiner Familie in der "DDR", weniger auf die Goldwaage als die Worte anderer Leute. Dass er, vielleicht auch wegen seiner späteren Tätigkeit als Beauftragter für die Stasi-Unterlagen, das kommunistische Unrecht zusammen mit dem Naziunrecht aufgearbeitet und erforscht haben möchte, ist bei den vielen Gemeinsamkeiten totalitärer Systeme ja auch nicht unbedingt unlogisch. Stalins oder Maos Verbrechen sollen ruhig offen benannt werden, aber es gilt dem Geschichtsrevisionismus vorzubeugen.

Vielleicht hat er sich mit dem Begriff der historischen Singularität des Holocaust nicht hinreichend auseinandergesetzt. Er ist schließlich Pastor und kein Historiker.
Verännern mutt sien, sä de Düvel, do streek he sien Steert gröön an.

"In der Lebenswelt gibt es drei Kategorien, das Essbare, das Kopulierbare und das Gefährliche"

"Mir gefällt Ihr Benehmen nicht."
"Macht nichts. Ich verkauf's ja nicht."
Benutzeravatar
Dirk
Beiträge: 939
Registriert: 28.04.2004, 16:21
Wohnort: Oldenburg

Beitrag von Dirk »

"Vielleicht hat er sich mit dem Begriff der historischen Singularität des Holocaust nicht hinreichend auseinandergesetzt. "
und genau so was meint er wenn er schreibt :
In dem Maße, in dem die Debatten ausschließlich um philosophische und ideologische Probleme, also um Fragen des Überbaus kreisten, gerieten die politische Praxis mit ihren Menschenrechtsverletzungen und das grundsätzliche Legitimationsdefizit der SED-Herrschaft aus dem Blick. Ich war verbunden mit den „fortschrittlichen“ Milieus im Westen, deren Meinung ich schätzte, aber ich bezahlte dies mit einem Verlust an Wahrnehmung, Moral und Handlungsfähigkeit. ….. in den Gemeinden diskutierten wir noch 1988 häufiger über den Rassismus in der Dritten Welt und die Ungerechtigkeit des Weltwirtschaftssystems als über die Menschenrechtsverletzungen im eigenen Land.
".. ich habe eine mißgebildete Bürgerpflichtsdrüse und eine angeborene Schwäche am moralischen Rückgrat, und bin deshalb von der Rettung von Universen freigestellt." F.Prefect
"ich bin lieber jeden Tag glücklich, als im Recht"Slartibartfaß
Benutzeravatar
Otto
Beiträge: 19388
Registriert: 05.05.2004, 15:06
Wohnort: Oldenburg

Beitrag von Otto »

Dirk hat geschrieben:"Vielleicht hat er sich mit dem Begriff der historischen Singularität des Holocaust nicht hinreichend auseinandergesetzt. "
und genau so was meint er wenn er schreibt :
In dem Maße, in dem die Debatten ausschließlich um philosophische und ideologische Probleme, also um Fragen des Überbaus kreisten, gerieten die politische Praxis mit ihren Menschenrechtsverletzungen und das grundsätzliche Legitimationsdefizit der SED-Herrschaft aus dem Blick. Ich war verbunden mit den „fortschrittlichen“ Milieus im Westen, deren Meinung ich schätzte, aber ich bezahlte dies mit einem Verlust an Wahrnehmung, Moral und Handlungsfähigkeit. ….. in den Gemeinden diskutierten wir noch 1988 häufiger über den Rassismus in der Dritten Welt und die Ungerechtigkeit des Weltwirtschaftssystems als über die Menschenrechtsverletzungen im eigenen Land.
Woher willst du wissen, was Gauck meint?

Die historische Singularität des Holocaust ist aber kein philosophisches oder ideologisches Problem, sondern ein historisches. Außerdem spricht Gauck in diesem Abschnitt über seine Zeit in der "DDR" vor der Wende.
Verännern mutt sien, sä de Düvel, do streek he sien Steert gröön an.

"In der Lebenswelt gibt es drei Kategorien, das Essbare, das Kopulierbare und das Gefährliche"

"Mir gefällt Ihr Benehmen nicht."
"Macht nichts. Ich verkauf's ja nicht."
Benutzeravatar
Dirk
Beiträge: 939
Registriert: 28.04.2004, 16:21
Wohnort: Oldenburg

Beitrag von Dirk »

Natürlich.
Er ist schließlich Pastor und kein Historiker.
und jetzt wirklich ohne jede persönliche Wertung : Da halte ich es doch lieber mit dem Pfarrer, der die Realität in der D"D"R erlebt hat, als mit dem Taxifahrer, der sein Leben auf dieser Seite der Mauer fristen musste.
".. ich habe eine mißgebildete Bürgerpflichtsdrüse und eine angeborene Schwäche am moralischen Rückgrat, und bin deshalb von der Rettung von Universen freigestellt." F.Prefect
"ich bin lieber jeden Tag glücklich, als im Recht"Slartibartfaß
Benutzeravatar
Otto
Beiträge: 19388
Registriert: 05.05.2004, 15:06
Wohnort: Oldenburg

Beitrag von Otto »

Ein paar Argumente, auf die du nicht antwortest:

1. du weißt nicht, was Gauck meint.

2. Gauck spricht in der von dir zitierten Textstelle über seine Zeit in der "DDR". Der Zeitpunkt ist mit "1988" klar angegeben.

3. Gaucks Worte sind im Kontext seiner persönlichen sowie der Geschichte seiner Familie zu betrachten.

4. dem Geschichtsrevisionismus (Nolte) ist vorzubeugen.

Und schließlich: ich habe Gauck inhaltlich mit keinem Wort widersprochen. In diesem Sinne kannst du es gerne mit ihm halten, weil du damit mir nicht widersprichst, denn Gauck hat es (Punkte 2. u. 3.) auch nicht getan: der Holocaust ist ein singuläres Ereignis in der Weltgeschichte. Ob Gauck sich jemals zu Nolte geäußert hat, ist mir nicht bekannt.
Verännern mutt sien, sä de Düvel, do streek he sien Steert gröön an.

"In der Lebenswelt gibt es drei Kategorien, das Essbare, das Kopulierbare und das Gefährliche"

"Mir gefällt Ihr Benehmen nicht."
"Macht nichts. Ich verkauf's ja nicht."
Benutzeravatar
Dirk
Beiträge: 939
Registriert: 28.04.2004, 16:21
Wohnort: Oldenburg

Beitrag von Dirk »

Für mich schon, denn bei der Gleichsetzung von Faschismus und Kommunismus beginnt "in der realen Welt" die Leugnung des Holocaust.




Otto
Eine nüchterne Betrachtung der politischen Verhältnisse wird dennoch zu einem Urteil gelangen, das den Kommunismus ebenso als totalitär einstuft wie den Nationalsozialismus
Gauck
".. ich habe eine mißgebildete Bürgerpflichtsdrüse und eine angeborene Schwäche am moralischen Rückgrat, und bin deshalb von der Rettung von Universen freigestellt." F.Prefect
"ich bin lieber jeden Tag glücklich, als im Recht"Slartibartfaß
Benutzeravatar
Otto
Beiträge: 19388
Registriert: 05.05.2004, 15:06
Wohnort: Oldenburg

Beitrag von Otto »

Na gut, der Bundespräsident muss zurücktreten, weil er die Singularität des Holocaust leugnet.
Verännern mutt sien, sä de Düvel, do streek he sien Steert gröön an.

"In der Lebenswelt gibt es drei Kategorien, das Essbare, das Kopulierbare und das Gefährliche"

"Mir gefällt Ihr Benehmen nicht."
"Macht nichts. Ich verkauf's ja nicht."
Benutzeravatar
Otto
Beiträge: 19388
Registriert: 05.05.2004, 15:06
Wohnort: Oldenburg

Beitrag von Otto »

Muss er natürlich nicht, denn er hat ja über den Holocaust gar nicht gesprochen, sondern lediglich über die Vergleichbarkeit der Systeme hinsichtlich ihres Totalitarismus.

Über die Unterschiede beider Systeme hat er auch nichts gesagt.
Verännern mutt sien, sä de Düvel, do streek he sien Steert gröön an.

"In der Lebenswelt gibt es drei Kategorien, das Essbare, das Kopulierbare und das Gefährliche"

"Mir gefällt Ihr Benehmen nicht."
"Macht nichts. Ich verkauf's ja nicht."
Benutzeravatar
Dirk
Beiträge: 939
Registriert: 28.04.2004, 16:21
Wohnort: Oldenburg

Beitrag von Dirk »

Über die Unterschiede beider Systeme hat er auch nichts gesagt.
braucht er ja auch nicht. So groß sind sie nun auch wieder nicht. Es ist doch egal, ob eine Clique oder ein "Führer" den Leuten sagt, sie sollten gefälligst glücklich sein, denn sie leben in der besten alle möglichen Welten.
Gut, dass wir so einen Präsdenten haben, der die Dinge auch mal beim Namen nennt.
".. ich habe eine mißgebildete Bürgerpflichtsdrüse und eine angeborene Schwäche am moralischen Rückgrat, und bin deshalb von der Rettung von Universen freigestellt." F.Prefect
"ich bin lieber jeden Tag glücklich, als im Recht"Slartibartfaß
Benutzeravatar
Otto
Beiträge: 19388
Registriert: 05.05.2004, 15:06
Wohnort: Oldenburg

Beitrag von Otto »

Dirk hat geschrieben:
Über die Unterschiede beider Systeme hat er auch nichts gesagt.
braucht er ja auch nicht. So groß sind sie nun auch wieder nicht.
Du "historischer Analpabet", du...:wink:
Dirk hat geschrieben:Es ist doch egal, ob eine Clique oder ein "Führer" den Leuten sagt, sie sollten gefälligst glücklich sein, denn sie leben in der besten alle möglichen Welten.
Sicher ist es gleich, wer einen tritt, und niemand bestreitet die grundsätzlichen Gemeinsamkeiten totalitärer Systeme, die pyramidale Struktur, die Rechtsbeugung, Bespitzelung usw. Halt all' das, was wir vom Nazitum, der UDSSR oder "DDR", aus Nordkorea oder dem Iran kennen. Aber das sind eben auch die grundsätzlichen strukturellen Bestandteile einer Diktatur, die unweigerlich früher (Nazifaschismus) oder später (Sowjetkommunismus) zu ihrem Niedergang führen. Soviel zur Vergleichbarkeit.

Man darf aber die speziellen historischen Umstände nicht vergessen, die man eben nicht von einer Zeit auf eine andere übertragen kann. Und da gibt es eben gewaltige Unterschiede zwischen den Systemen, so wie (und zu welchen Zwecken) sie tatsächlich gehandelt haben. Für Lenin und Stalin gilt eben, dass sie ein marodes, rückständiges Land in die Moderne führen wollten und nur von Feinden umgeben waren, die sie vernichten und die Revolution rückgängig machen wollten. Soviel zur "besten aller möglichen Welten", wobei niemand die Fehler und Verbrechen der Sowjetführer bestreitet.

Der wesentlichste Unterschied aber ist die fabrikmäßige Vernichtung von Menschen im Holocaust. Das hatte es so davor nicht gegeben und seither gab es das auch nicht wieder in dem Ausmaß. Und in der Sowjetgeschichte gibt es keine Wannseekonferenz. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Wer den nicht sieht, leistet sich den ersten Schritt auf einer schiefen Ebene der Argumentation, die unweigerlich in den Geschichtsrevisionismus führt.
Dirk hat geschrieben:Gut, dass wir so einen Präsdenten haben, der die Dinge auch mal beim Namen nennt.
Vorsichtig mit solchen Worten, Formulierungen wie "der die Dinge auch mal beim Namen nennt" habe ich in der Sarrazin-Debatte zur Genüge gelesen und gehört.

Den von dir zitierten Text hat er ja nicht als Präsident verfasst, sondern vor über zehn Jahren. Und wir brauchen mit Sicherheit keinen papstgleichen Präsidenten oder sonstigen Heilsbringer, dessen Worte per se die "Wahrheit" sind. Das wird auch Gauck selber nicht wollen.

Aber über all' das hat Gauck in dem von dir zitierten Text ja gar nicht geredet, er hat ja von einer bestimmten historischen Situation, als die Mauer noch stand, über die Diskussionen gesprochen, die zu dem Zeitpunkt (1988) in den ostdeutschen Gemeinden stattfanden. Zudem verkennst du nach wie vor die persönlichen Aspekte, die aus Gaucks Argumentation einfach nicht wegzudenken sind.

Für Millionen Russen war und ist "Väterchen Stalin" derjenige, der sie vor den verfluchten Faschisten gerettet hat, und diese Menschen haben aus ihrer Perspektive genauso recht wie Gauck aus seiner Perspektive des Jahres 1988, die seine Selbstwahrnehmung als Opfer des totalitären kommunistischen Systems bestimmt hat. Davor, wie er nach der Wende damit umgegangen ist, bei der Aufarbeitung des Unrechts von 1950 bis 1989/90, ein "Chapeau", denn er hat sich nicht wie ein Racheengel gebärdet, sondern sachliche Arbeit geleistet.
Verännern mutt sien, sä de Düvel, do streek he sien Steert gröön an.

"In der Lebenswelt gibt es drei Kategorien, das Essbare, das Kopulierbare und das Gefährliche"

"Mir gefällt Ihr Benehmen nicht."
"Macht nichts. Ich verkauf's ja nicht."
Benutzeravatar
Dirk
Beiträge: 939
Registriert: 28.04.2004, 16:21
Wohnort: Oldenburg

Beitrag von Dirk »

Du "historischer Analpabet", du...
niedlich
".. ich habe eine mißgebildete Bürgerpflichtsdrüse und eine angeborene Schwäche am moralischen Rückgrat, und bin deshalb von der Rettung von Universen freigestellt." F.Prefect
"ich bin lieber jeden Tag glücklich, als im Recht"Slartibartfaß
Benutzeravatar
Dirk
Beiträge: 939
Registriert: 28.04.2004, 16:21
Wohnort: Oldenburg

Beitrag von Dirk »

Und in der Sowjetgeschichte gibt es keine Wannseekonferenz
geht ja auch nicht, so ohne Wannsee. Aber der "Genosse" Stalin hat die Transsib ja auch ganz alleine gebaut. und der hat auch keine "Konferenzen" gebraucht.
".. ich habe eine mißgebildete Bürgerpflichtsdrüse und eine angeborene Schwäche am moralischen Rückgrat, und bin deshalb von der Rettung von Universen freigestellt." F.Prefect
"ich bin lieber jeden Tag glücklich, als im Recht"Slartibartfaß
Benutzeravatar
Otto
Beiträge: 19388
Registriert: 05.05.2004, 15:06
Wohnort: Oldenburg

Beitrag von Otto »

Dirk hat geschrieben:
Und in der Sowjetgeschichte gibt es keine Wannseekonferenz
geht ja auch nicht, so ohne Wannsee. Aber der "Genosse" Stalin hat die Transsib ja auch ganz alleine gebaut. und der hat auch keine "Konferenzen" gebraucht.
Väterchen Stalin hatte mit der Transsib relativ wenig zu tun, die wurde noch zu Zeiten von Zar Alexander III. begonnen und im Oktober 1916 eingeweiht.

Deine historische Ungenauigkeit ist wirklich beeindruckend. Insofern lege ich auch deine Meinung zur Vergleichbarkeit der Systeme ebenso wie die Worte Gaucks nicht auf die Goldwaage, ihr seid eben beide keine Historiker.
Verännern mutt sien, sä de Düvel, do streek he sien Steert gröön an.

"In der Lebenswelt gibt es drei Kategorien, das Essbare, das Kopulierbare und das Gefährliche"

"Mir gefällt Ihr Benehmen nicht."
"Macht nichts. Ich verkauf's ja nicht."
Benutzeravatar
Otto
Beiträge: 19388
Registriert: 05.05.2004, 15:06
Wohnort: Oldenburg

Beitrag von Otto »

Der falsche Präsident. Was Pfarrer Gauck noch lernen muss, damit wir glücklich mit ihm werden
Albrecht Müller

http://westendverlag.de/westend/buch.php?p=75
Verännern mutt sien, sä de Düvel, do streek he sien Steert gröön an.

"In der Lebenswelt gibt es drei Kategorien, das Essbare, das Kopulierbare und das Gefährliche"

"Mir gefällt Ihr Benehmen nicht."
"Macht nichts. Ich verkauf's ja nicht."
Benutzeravatar
Dirk
Beiträge: 939
Registriert: 28.04.2004, 16:21
Wohnort: Oldenburg

Beitrag von Dirk »

Der zweispurige Ausbau der Transsib wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg fertiggestellt. Im Zusammenhang mit der Projektierung des Irkutsker Stausees an der Angara wurde dann doch die anfangs verworfene Direktverbindung von Irkutsk bis Sljudjanka über einen Pass des Baikalgebirges mit mehreren Tunneln errichtet. Die neue Strecke ging 1949 in Betrieb.[3] Die beiden Strecken wurden zunächst parallel betrieben, wobei die neue weiter ausgebaut und bis 1956 elektrifiziert wurde. Etwa zu diesem Zeitpunkt stand auch die Flutung des Irkutsker Stausees bevor, der 1959 fertiggestellt wurde, sodass die alte Strecke zwischen Irkutsk und Baikal entlang der Angara wegen der geplanten teilweisen Überflutung stillgelegt wurde. Der Abschnitt Sljudjanka – Port Baikal der Cirkumbaikalbahn wurde damit zur Stichstrecke, die ihre Bedeutung für die Transsib als ganze verlor.
http://de.wikipedia.org/wiki/Transsibirische_Eisenbahn

wir sind eben alle keine Historiker.
".. ich habe eine mißgebildete Bürgerpflichtsdrüse und eine angeborene Schwäche am moralischen Rückgrat, und bin deshalb von der Rettung von Universen freigestellt." F.Prefect
"ich bin lieber jeden Tag glücklich, als im Recht"Slartibartfaß
Benutzeravatar
Dirk
Beiträge: 939
Registriert: 28.04.2004, 16:21
Wohnort: Oldenburg

Beitrag von Dirk »

die Erosion der Demokratie. Gaucks Botschaft klingt wie ein lautes „Empört Euch nicht!“
http://westendverlag.de/westend/buch.php?p=75

Blödsinn. Wenn ein Präsident in den letzten Jahren die Bürger aufgefordert hat sich zu engagieren, dann Gauck
".. ich habe eine mißgebildete Bürgerpflichtsdrüse und eine angeborene Schwäche am moralischen Rückgrat, und bin deshalb von der Rettung von Universen freigestellt." F.Prefect
"ich bin lieber jeden Tag glücklich, als im Recht"Slartibartfaß
Benutzeravatar
Otto
Beiträge: 19388
Registriert: 05.05.2004, 15:06
Wohnort: Oldenburg

Beitrag von Otto »

Dirk hat geschrieben:
die Erosion der Demokratie. Gaucks Botschaft klingt wie ein lautes „Empört Euch nicht!“
http://westendverlag.de/westend/buch.php?p=75

Blödsinn. Wenn ein Präsident in den letzten Jahren die Bürger aufgefordert hat sich zu engagieren, dann Gauck
Blödsinn, das macht jeder Bundespräsident. Außerdem war Gauck "in den letzten Jahren" kein Präsident.


Gauck hat sich gegen den Sozialstaat ausgesprochen:
"Als Gerhard Schröder einst die Frage aufwarf, wie viel Fürsorge sich das Land noch leisten kann, da ist er ein Risiko eingegangen. Solche Versuche mit Mut brauchen wir heute wieder."
http://inge09.blog.de/2012/02/19/theolo ... -12829378/
Was will er denn noch alles streichen?
Verännern mutt sien, sä de Düvel, do streek he sien Steert gröön an.

"In der Lebenswelt gibt es drei Kategorien, das Essbare, das Kopulierbare und das Gefährliche"

"Mir gefällt Ihr Benehmen nicht."
"Macht nichts. Ich verkauf's ja nicht."
Antworten