Die "Macht" der Nichtwähler
Verfasst: 17.09.2013, 09:40
Es sind Leute wie Peters ( Vorsitzender der „Partei der Nichtwähler“), die in diesem Wahlkampf alle denkbaren Ressentiments gegen die „Politik“ oder „das System“ schüren und potentiellen Nichtwählern damit die Absolution erteilen. …......
Dabei war es einst Ehrensache zur Wahl zu gehen. Nach dem politisch-moralischen Zusammenbruch in der Nazi Zeit, wollten die Deutschen sich als vorbildliche Demokraten präsentieren – vor dem Ausland, aber auch vor sich selbst. Sie wollten wenigstens die zweite Chance nutzen, nachdem sie die erste in der Weimarer Republik so tragisch verspielt hatten. …...
Unter den bisherigen Nichtwählern fanden sich vor allem die Armen und gering Gebildeten, die sich schon längst von dem politischen Diskurs verabschiedet hatten, weil sie „die da oben'“ für ihr eigenes Schicksal verantwortlich machen. 41 Prozent aller befragten Arbeitslosen gehen nicht mehr wählen. …..... Mittlerweile aber gibt es eine …. Gruppe, die dem Nichtwählen eine neue Dimension verleiht, vor allem qualitativ. Ein neuer Typus ist hinzugekommen, der gebildete, oft auch wohlhabende Nichwähler, … .
Die neuen Nichtwähler kennen keine Scham, sie tragen ihr Nichwählertum wie eine Monstranz vor sich her. Selbst als FDP Wähler hat man üblere Schmähungen zu erwarten, denn als Nichtwähler.
….........
Von einem neuartigen Typus des „hochmütigen Nichtwählers“ spricht Bundestagspräsident Norbert Lammert. Die Hochmütigen leben nicht von Hartz IV, sie klagen auch nicht, dass Politik und Gesellschaft ihnen die Chance zum Aufstieg verwehrten. Im Gegenteil, sie kommen im Gewand des Philosophen daher, verbringen ihre Zeit in Fernsehstudios und tragen ihre Hemden extrem weit offen.
Der Philosoph Peter Sloterdijk hat vor kurzem allen Ernstes verkündet, er wisse nicht mal, wann der Wahltag sei. ….... Sein Kollege Richard David Precht erklärt derweil >>Es ist mir persönlich nicht wichtig, ob ich wähle oder nicht.<< ….. Was im Gestus intellektueller Nachdenklichkeit daherkommt, heiß übersetzt nichts als >> Alle doof. Außer mir<<.
…......
Die These, wonach alle Parteien gleich sind, ist das Lieblingsargument der Nichtwähler. ….. Aber rechtfertigt der gegenwärtige Mangel an Polarisierung, dass sich immer mehr Bürger in die Rolle des Konsumenten verabschieden ? In ein Wesen, dass von der Politik etwas >> geboten << bekommen möchte, ….. ? Es mag ja sein, dass Angela Merkel die Bürger einschläfern will. Aber muss man sich deshalb einschläfern lassen ? Hätten Precht, Sloterdijk und Kollegen zwischen ihren Auftritten auch nur kurz durch die Wahlprogramme geblättert, sie hätten die Unterschiede nicht übersehen können. ….... Doch all dies übersehen die Protagonisten des Nichtwählens. Es würde ihre These zerstören, wonach ohnehin alles gleich ist. Eine Demokratie ist aber weder ein Lieferservice noch ein Unterhaltungsprogramm. Eine Demokratie darf von ihren Bürgern eine gewisse Informiertheit erwarten, ein klitzekleines Engagement. Wer das verweigert, verweigert seinen Beitrag zu ihrem gelingen – und setzt sie so auf's Spiel. Jene aber, die nun beklagen, das Angebot sei nicht attraktiv genug, die Parteien seien lahm und langweilig, haben nichts dagegen getan, dass sie lahm und langweilig wurden. …... Sie übersehen zudem, dass sie sich mit ihrer Haltung nicht nur über den politischen Betrieb und sein Personal erheben, sondern auch über den ….. Wähler und letztlich über die Demokratie als Staatsform.
Wen sich Intellektuelle wie Precht beschweren, dass über >> einen Euro mehr oder weniger Mindestlohn diskutiert wird<<, spricht daraus nicht nur Arroganz gegenüber den Sorgen von Geringverdienern, er verkennt auch, was Demokratie ausmacht. …..
>> Ich war noch nie wählen, da mich die Politik noch nie überzeugen konnte<<, bekennt der Schauspieler Moritz Bleibtreu.>> Ich bin einfach von keiner Partei zu 100% überzeugt.<< Wer jedoch 100-prozentige Übereinstimmung erwartet, hat die Demokratie nicht verstanden.
…....... So bleiben die Gründe für die Politikverachtung an der Oberfläche – oder im Reich der Vermutung. Es geht wohl mehr um die Bugwelle als um die Wasserqualität.
…....
>> Bekannte und intellektuelle Nichtwähler handeln allzu sorglos vor den Folgen ihres Tuns<<, sagt der Mannheimer Politologe und Wahlforscher Rüdiger Schmitt-Beck. >> Sie machen das Nichtwählen salonfähig, ohne konkrete Alternativen anzubieten.
…....
Anders, als sie sich vorgaukeln, beschleunigen Nichtwähler keineswegs den ersehnten Wandel, sie stabilisieren nur die Macht jener, über die sie klagen. Sie machen die Parteien sogar größer, als sie tatsächlich sind. Wer zu Hause bleibt, weil er Angela Merkel nicht mehr sehen kann, begünstigt in Wahrheit ihre dritte Amtszeit.
…....
Wie kaum eine andere Partei könnte die populistische AfD am Sonntag von einer geringen Wahlbeteiligung profitieren. Denn je weniger Menschen zur Wahl gehen, desto leichter haben es Ein-Themen-Parteien, ins Parlament zu kommen. "
aus DER SPIEGEL Nr. 38 vom 16.09.2013
Sehr lesenswert.
Dabei war es einst Ehrensache zur Wahl zu gehen. Nach dem politisch-moralischen Zusammenbruch in der Nazi Zeit, wollten die Deutschen sich als vorbildliche Demokraten präsentieren – vor dem Ausland, aber auch vor sich selbst. Sie wollten wenigstens die zweite Chance nutzen, nachdem sie die erste in der Weimarer Republik so tragisch verspielt hatten. …...
Unter den bisherigen Nichtwählern fanden sich vor allem die Armen und gering Gebildeten, die sich schon längst von dem politischen Diskurs verabschiedet hatten, weil sie „die da oben'“ für ihr eigenes Schicksal verantwortlich machen. 41 Prozent aller befragten Arbeitslosen gehen nicht mehr wählen. …..... Mittlerweile aber gibt es eine …. Gruppe, die dem Nichtwählen eine neue Dimension verleiht, vor allem qualitativ. Ein neuer Typus ist hinzugekommen, der gebildete, oft auch wohlhabende Nichwähler, … .
Die neuen Nichtwähler kennen keine Scham, sie tragen ihr Nichwählertum wie eine Monstranz vor sich her. Selbst als FDP Wähler hat man üblere Schmähungen zu erwarten, denn als Nichtwähler.
….........
Von einem neuartigen Typus des „hochmütigen Nichtwählers“ spricht Bundestagspräsident Norbert Lammert. Die Hochmütigen leben nicht von Hartz IV, sie klagen auch nicht, dass Politik und Gesellschaft ihnen die Chance zum Aufstieg verwehrten. Im Gegenteil, sie kommen im Gewand des Philosophen daher, verbringen ihre Zeit in Fernsehstudios und tragen ihre Hemden extrem weit offen.
Der Philosoph Peter Sloterdijk hat vor kurzem allen Ernstes verkündet, er wisse nicht mal, wann der Wahltag sei. ….... Sein Kollege Richard David Precht erklärt derweil >>Es ist mir persönlich nicht wichtig, ob ich wähle oder nicht.<< ….. Was im Gestus intellektueller Nachdenklichkeit daherkommt, heiß übersetzt nichts als >> Alle doof. Außer mir<<.
…......
Die These, wonach alle Parteien gleich sind, ist das Lieblingsargument der Nichtwähler. ….. Aber rechtfertigt der gegenwärtige Mangel an Polarisierung, dass sich immer mehr Bürger in die Rolle des Konsumenten verabschieden ? In ein Wesen, dass von der Politik etwas >> geboten << bekommen möchte, ….. ? Es mag ja sein, dass Angela Merkel die Bürger einschläfern will. Aber muss man sich deshalb einschläfern lassen ? Hätten Precht, Sloterdijk und Kollegen zwischen ihren Auftritten auch nur kurz durch die Wahlprogramme geblättert, sie hätten die Unterschiede nicht übersehen können. ….... Doch all dies übersehen die Protagonisten des Nichtwählens. Es würde ihre These zerstören, wonach ohnehin alles gleich ist. Eine Demokratie ist aber weder ein Lieferservice noch ein Unterhaltungsprogramm. Eine Demokratie darf von ihren Bürgern eine gewisse Informiertheit erwarten, ein klitzekleines Engagement. Wer das verweigert, verweigert seinen Beitrag zu ihrem gelingen – und setzt sie so auf's Spiel. Jene aber, die nun beklagen, das Angebot sei nicht attraktiv genug, die Parteien seien lahm und langweilig, haben nichts dagegen getan, dass sie lahm und langweilig wurden. …... Sie übersehen zudem, dass sie sich mit ihrer Haltung nicht nur über den politischen Betrieb und sein Personal erheben, sondern auch über den ….. Wähler und letztlich über die Demokratie als Staatsform.
Wen sich Intellektuelle wie Precht beschweren, dass über >> einen Euro mehr oder weniger Mindestlohn diskutiert wird<<, spricht daraus nicht nur Arroganz gegenüber den Sorgen von Geringverdienern, er verkennt auch, was Demokratie ausmacht. …..
>> Ich war noch nie wählen, da mich die Politik noch nie überzeugen konnte<<, bekennt der Schauspieler Moritz Bleibtreu.>> Ich bin einfach von keiner Partei zu 100% überzeugt.<< Wer jedoch 100-prozentige Übereinstimmung erwartet, hat die Demokratie nicht verstanden.
…....... So bleiben die Gründe für die Politikverachtung an der Oberfläche – oder im Reich der Vermutung. Es geht wohl mehr um die Bugwelle als um die Wasserqualität.
…....
>> Bekannte und intellektuelle Nichtwähler handeln allzu sorglos vor den Folgen ihres Tuns<<, sagt der Mannheimer Politologe und Wahlforscher Rüdiger Schmitt-Beck. >> Sie machen das Nichtwählen salonfähig, ohne konkrete Alternativen anzubieten.
…....
Anders, als sie sich vorgaukeln, beschleunigen Nichtwähler keineswegs den ersehnten Wandel, sie stabilisieren nur die Macht jener, über die sie klagen. Sie machen die Parteien sogar größer, als sie tatsächlich sind. Wer zu Hause bleibt, weil er Angela Merkel nicht mehr sehen kann, begünstigt in Wahrheit ihre dritte Amtszeit.
…....
Wie kaum eine andere Partei könnte die populistische AfD am Sonntag von einer geringen Wahlbeteiligung profitieren. Denn je weniger Menschen zur Wahl gehen, desto leichter haben es Ein-Themen-Parteien, ins Parlament zu kommen. "
aus DER SPIEGEL Nr. 38 vom 16.09.2013
Sehr lesenswert.